Von der Presse:
Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), über Elternlotsen an Schulen, Krawall-Jugendliche und eine Bildungsoffensive. TGD will die Migranten zu mehr Engagement motivieren.
Quelle:
http://www.berlinonline.de
"Wir brauchen Vorbilder"
Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland, über Elternlotsen an Schulen, Krawall-Jugendliche und eine Bildungsoffensive
30.12.2006
Lokales - Seite 27
Tobias Miller, Thomas Rogalla
Herr Kolat, zwei Drittel der Berliner würden ihre Kinder nicht in Kreuzberg zur Schule schicken, genauso wie der Regierende Bürgermeister. Liegen die alle falsch?
Der Regierende Bürgermeister hat sich für seine Äußerung entschuldigt. Aber es gibt eine Debatte, dass die Qualität der Schule sinkt, wenn der Anteil von nichtdeutschen Schülern hoch ist. Das stimmt aber nicht. Dann müssten auch die Schulen in Kanada oder Australien, wo der Migrantenanteil auch 60, 70, 80 Prozent beträgt, schlecht sein. Der Anteil ist nicht maßgebend. Maßgebend ist die soziale Lage. In den Kreuzberger Schulen bündeln sich viele soziale Probleme.
Die Einschätzung der Berliner ist also falsch?
Es gibt auch viele türkische Eltern, die so denken und von Kreuzberg wegziehen. Von dort kommen aber auch die meisten türkischstämmigen Abiturienten.
Das liegt an der Statistik. Dort gibt es einfach mehr türkischstämmige Schüler.
Ja, aber es zeigt, dass sie auch erfolgreich sein können. Der Erfolgsdruck in türkischen Familien ist oft groß, weil die Kinder es mal besser haben sollen.
Ist das so? Viele Eltern interessieren sich doch nicht für das, was in der Schule passiert.
Das Desinteresse hat etwas mit der sozialen Lage der Familie zu tun. Es gibt allerdings auch eine besondere Haltung der Türken gegenüber der Schule. Es gibt ein Sprichwort im Türkischen, das bedeutet sinngemäß: Da, Lehrer, das Kind gehört dir, mach was Gutes daraus.
Wie kann man das ändern?
Entscheidend ist die Ansprache der Eltern. Wir haben an der Hedwig-Dohm-Realschule im Beusselkiez ein Elternlotsenprojekt gestartet. Wir sind zu den Familien nach Hause und haben mit den Eltern gesprochen. Als wir anfingen, war die Beteiligung an Elternabenden fast null Prozent. Heute kommen die türkischen Eltern zu 70, 80 Prozent.
Sie und die Türkische Gemeinde starten im nächsten Jahr die Kampagne Zukunft für Bildung. Worum geht es dabei?
Das gleiche Thema: Wie interessiere ich die Eltern für die Bildung ihrer Kinder? Wir wollen zum Beispiel Eltern dazu bringen, Elternvertreter zu werden. Mein Ziel ist, dass entsprechend dem Migrationsanteil der Schüler auch die Eltern vertreten sind. Dafür haben wir Bildungsbotschafter eingesetzt. Sie sollen Eltern fortbilden, ihnen erklären, welche Möglichkeiten man als Elternvertreter hat. Die Zahl der türkischstämmigen Schülervertreter soll sich ebenso erhöhen. Das dritte Ziel ist es, die Zahl der türkischstämmigen Schüler ohne Schulabschluss zu halbieren und die mit Realschulabschluss oder Abitur deutlich zu erhöhen.
Die türkische Community will offenbar in die Offensive kommen?
Ja, es wird höchste Zeit. Als in den 60er-Jahren die Migration begann, gingen alle davon aus, dass wir wieder in die Türkei zurückkehren. Erst Mitte der 80er-Jahre wuchs auch bei uns Türken die Erkenntnis: Wir bleiben hier. Bildung ist der Schlüssel für Integration.
Wie wollen Sie bildungsferne Migranten, besonders Jugendliche, für Bildung interessieren?
Wir brauchen Vorbilder. Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel die 50 besten türkischstämmigen Abiturienten und Lehrlinge nach Berlin einladen. Diese Jugendlichen sollen als Bildungspaten in ihre Bundesländer zurückgehen. Sie sollen mit anderen Schülern sprechen, sie motivieren. Motto: Ich habe es geschafft - du schaffst das auch.
Wer sind Ihre Verbündeten?
Wir haben jetzt eine Zusammenarbeit mit dem Volkshochschulverband vereinbart, um zu erreichen, dass türkischstämmige Schüler einen Schulabschluss erhalten oder verbessern können. Und wir werden mit Unterstützung der deutsch-türkischen Unternehmerverbände solche Schulen mit finanziellen Auszeichnungen fördern, die gute Arbeit mit mehrsprachigem Unterricht leisten und/oder eine gute Eltern- und Schülerarbeit mit Migranten vorweisen. Wir wollen gezielt mehr Öffentlichkeit für positive Vorbilder schaffen.
Wir sind gespannt, wie Sie das den türkischen Jungmännern im Wrangelkiez und Nord-Neukölln beibringen wollen. Die haben sich in ihrer grässlichen HipHop-Kultur eingerichtet, die eine Verlierer-Kultur ist. Cool ist nur, wer sich darüber definiert, ausgeschlossen, kriminell, ein Loser zu sein.
Wir werden mit unserer Kampagne sicher nicht alle Probleme lösen können. Um problematische Jugendliche zu integrieren, betreiben wir bereits Projekte wie Move (Motivieren und Vermitteln). Das ist kleinteilig, schwierig, aber sehr erfolgreich. Unsere Mitarbeiter dort sprechen die Sprache der Jugendlichen. Sie sind einerseits deren Kumpel, aber sie schieben sie auch unnachgiebig an. Zur Not holen sie sie morgens aus dem Bett und bringen sie zur Lehrstelle. Anderenfalls droht eine Kürzung von ALG II. Auch wenn diese Jungs manchmal in der Gruppe Krawall machen: Viele haben ihre Stärken und es gilt, die produktiv zu entwickeln. Wir wollen in der türkischen Community einen Mainstream für die Bildung hinbekommen. Wir haben uns dazu auch der Unterstützung der wichtigen türkischen Zeitungen und Zeitschriften versichert. Hürriet oder Milliyet beispielsweise, werden die Migranten in Deutschland über Schulgesetze aufklären und zu mehr Engagement motivieren.
Ein großes Vorhaben.
Ja. Es ist wirklich eine so noch nicht da gewesene Offensive der Türkischen Gemeinde für mehr Bildung, mehr Integration. Es ist ein Bündel von Aktivitäten, bei dem alle 230 türkischen Vereine und Organisationen der TGD in eine Richtung arbeiten sollen: in Berlin etwa unsere 25 Verbände, bundesweit die Föderationen türkischer Eltern, Lehrer, Studenten, Unternehmer etc.
Werden Sie mit der Kampagne auch in die Moscheen gehen?
Natürlich sind die Moscheen wichtig. Wir werden von der Religionsvereinigung Ditib unterstützt. Aber so wichtig die Moscheen sind: Dort erreichen wir nur die Männer. Für das Thema Bildung sind die Frauen und Mütter aber die eigentlich wichtigen Ansprechpartner und Multiplikatoren. Deshalb sind die VHS-Kurse so wichtig, um zu den Frauen Kontakt zu bekommen.
Was erwarten Sie vom neuen Bildungssenator Zöllner?
Wir wünschen uns, dass er die Maßnahmen auf dem Ausbildungssektor stärker bündelt. Es wird bei der Förderung junger Migranten viel Zeit und Geld verschwendet, weil Bildungsverwaltung, Bezirke, Quartiersmanagement, Jobcenter und Arbeitsagenturen unkoordiniert nebeneinander her arbeiten.
Das Gespräch führten Thomas Rogalla und Tobias Miller.
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Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland (TGD), will die Migranten zu mehr Engagement motivieren.