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TGD ruft bei der Aufarbeitung der Armenierfrage zu Besonnenheit auf

Mittwoch, der 20. April 20162016, Pressemitteilungen

Die Türkische Gemeinde in Deutschland plädiert bei der Auseinandersetzung mit schmerzhaften Kapiteln der armenisch-türkischen Vergangenheit für eine multiperspektivische Diskussion, die sich von festgefahrenen Positionen loslöst. Die Debatte über die Anerkennung der Geschehnisse von 1915 in der Türkei als Völkermord bzw. Genozid zu bezeichnen, beschäftigt hierzulande auch den Bundestag. In den bisherigen Beschlüssen wurde ganz bewusst auf den Begriff „Völkermord“ verzichtet. Der Deutsche Bundestag hat stattdessen sowohl die Türkei als auch Armenien aufgefordert, zusammen eine gemeinsame Lösung zu finden, da solche Beschlüsse in der Regel nicht zur Lösung des Problems, sondern eher zur Verhärtung der Fronten führen.

Die TGD möchte in dem Zusammenhang auch dem renommierten türkisch-armenischen Intellektuellen Hrant Dink gedenken, der am 19.01.2007 auf offener Straße hinterhältig ermordet wurde.

2015 erklärte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu dazu Folgendes: „Es sind nun acht Jahre her, dass Hrant Dink, der sich zu Lebzeiten darum bemühte, eine der wichtigen Fragen, die die Republik Türkei vom Osmanischen Reich übernommen hatte, mit seinen emotionalen Bindungen und Gedanken zu beleuchten, nicht mehr unter uns ist. Unser Mitgefühl gilt seiner trauernden Familie und allen, die ihn lieben. Hrant Dink war ein geschätzter Intellektueller Anatoliens, der nach Wegen und Vorgehensweisen suchte, wie Türken und Armenier eine gemeinsame Zukunft aufbauen könnten, ohne dabei weder seine armenischen Wurzeln noch seine Verbundenheit mit der Türkei aufzugeben. Hrant Dink hat die türkisch-armenische Freundschaft in seinem Geiste vereint und sich mit Herz und Verstand für die Überwindung des tiefen Leids und für die Erinnerung an das Zusammenleben in der Geschichte eingesetzt. Wir möchten unter dem Fackelschein von Hrant Dink, mit dem er den Weg der Freundschaft beleuchtete, in den Herzen und Köpfen neue Türen öffnen.“

Hrant Dink selbst sprach einst in einem Interview von zwei kranken Patienten (Türkei und Armenien). Der eine leide unter Traumata (Armenien), der andere unter Paranoia (Türkei). Beide Seiten seien Ärzte der Gegenseite und sollten sich gegenseitig helfen, da die historischen Wunden nur durch die beiden Völker geheilt werden könnten. Nicht die Entscheidungen ausländischer Parlamente könnten hier eine Lösung sein. Er rief die armenische Diaspora zudem dazu auf, nicht auf ihrer einseitigen Sichtweise bei der Anerkennung der Ereignisse als Völkermord zu beharren. Auf der anderen Seite rief er die Türken auf, sich mit der Sache emphatisch auseinanderzusetzen, um die Sichtweise der Armenier besser zu verstehen.

Dieser Ansicht schließt sich auch die Türkische Gemeinde in Deutschland an.

Völkermord ist ein juristischer Begriff und es gibt noch kein Urteil eines internationalen Gerichtshofes, welcher diesen abschließend festgestellt hat.

Auf unseren Vorschlag hin wurde bereits 2001 die Forderung nach einer unabhängigen Expertenkommission publik und gilt – zumindest auf Seiten der Republik Türkei – mittlerweile als herrschende Ansicht zur Lösung dieser Frage. So fanden im Jahre 2009 unter Federführung der Schweiz Gespräche zwischen der Türkei und Armenien statt, die mit der Unterzeichnung eines Protokolls zur Belebung der diplomatischen Beziehungen endete. Zu unserem Bedauern wurden die Gespräche aus innen- und außenpolitischen Gründen nicht weitergeführt.

In einer sehr ähnlichen Weise hat auch der Deutsche Bundestag bisher sowohl die Türkei als auch Armenien aufgefordert, zusammen zu einer Lösung zu gelangen, da durch politische Beschlüsse in der Regel das Gegenteil von dem erreicht wird, was man sich von ihnen erhofft. Wir hoffen, dass der Bundestag von seiner bisherigen Positionen nicht abrückt.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) ruft beide Länder, die Türkei und Armenien nochmals auf, sich der Geschichte zu stellen, die Frage offen zu diskutieren und unterschiedliche Auffassungen zuzulassen.

  • Die TGD wiederholt die Forderung nach Gründung einer Kommission aus unabhängigen Historikerinnen und Historikern, die sich paritätisch aus armenischen und türkischen aber auch anderen international renommierten Historikerinnen und Historikern zusammensetzt.
  • Die Archive in der Türkei (diese sind bereits zugänglich) und Armenien sollen zur Sichtung seitens dieser Kommission bereitgestellt werden.
  • Die Ergebnisse dieser Kommission sollen der Weltöffentlichkeit gemeinsam vorgestellt werden.

Anstatt eines neuen Beschlusses, in dem es ausschließlich um den Begriff Völkermord geht, schlägt die Türkische Gemeinde in Deutschland dem Deutschen Bundestag vor, die Bundesregierung zu einem neuen Anlauf für die Normalisierung der Beziehungen der beiden Länder aufzufordern. So sollten mitunter auch in Deutschland Projekte, Maßnahmen und Ideen gefördert und umgesetzt werden, die einen Betrag dazu leisten, Menschen aus diesen beiden Ländern zusammenzubringen.

Ein einseitiger Beschluss wäre nicht nur integrationspolitisch falsch, sondern dürfte die Entfremdung der Menschen türkischer Herkunft, die in überwältigender Weise die Darstellung der Ereignisse als Völkermord ablehnen, nur fördern.