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FÖTED & ATÖF: Kein Sprachverbot: Der Herkunftssprachenunterricht gehört fest in das Regelsystem integriert!

Montag, der 2. Oktober 2017aus den Mitgliedsorganisationen

Gemeinsame Erklärung zum Herkunftssprachenunterricht in Türkisch der Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland (FÖTED) und Föderation Türkischer Lehrervereine in Deutschland (ATÖF).

Wieder einmal beherrschen polemische Töne die Diskussion in Sachen Muttersprachenunterricht. Die Forderung von Schulgeld einiger Berliner Bezirksvertretungen vom Türkischen Konsulat für die Nutzung von Schulräumen krönt diese Entwicklung. Seit 1957 geben staatliche türkische Lehrer weltweit türkischen Sprachunterricht und in Berlin wird seit 40 Jahren Türkisch für türkischstämmige Kinder seitens der Konsulatslehrer*innen erteilt. Nun wird Schulgeld von den türkischen Konsulaten, 30.000 Euro pro Schuljahr gefordert. Diese Haltung der Berliner Schulbehörden bzw. der Bezirksvertretungen ist inakzeptabel, da sie die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere aber türkischstämmige Menschen, diskriminiert. Die Frage ist hier, ob Schulgeld auch von russischen, polnischen, italienischen, portugischen, spanischen Konsulaten gefordert wird?

Die Kritik von vielen gemässigten Personen, die einen Bezug zur politischen Entwicklung in der Türkei herstellen, ist sicherlich nicht ganz unberechtigt. Die Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland (FÖTED) und der Bund der Türkischen Lehrervereine in Deutschland (ATÖF) verfolgen diese Entwicklung mit wachsendem Unbehangen. Pauschale Vorverurteilungen der Lehrer*innen, die durch die Konsulate in einigen Bundesländern türkischen Muttersprachunterricht für Kinder erteilen sollen, sind in der Sache nicht förderlich und sind nur den rechtsradikalen politischen Parteien dienlich, wenn es darum geht, “Türkenhass” und “Islamophobie” zu schüren. Auch die inhaltliche Diskussion zu den in dem Unterricht verwendeten Büchern, diese seien nationalistisch und geschichtsverfälschend ist nicht haltbar. Ein  diesbezügliches wissenschaftliches Gutachten, welches von dem Schulministerium in NRW in Auftrag gegeben worden ist, kommt zu dem Schluss:
Umfangreiche Recherchen und eine wissenschaftliche Expertise des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen (ZfTI) haben ergeben, dass das Unterrichtsmaterial keine nationalistischen, andere Ethnien diskriminierenden Textpassagen enthält. Prof. Uslucan vom ZFTI schreibt dazu in seinem wissenschaftlichen Gutachten: „Der Vorwurf, die Bücher würden andere Ethnien diskriminieren, ist in keinster Weise gerechtfertigt; die Bücher sind durchwegs bestrebt, Harmonie, Völkerverständigung und universale Werte als Ideale für die Schüler hervorzuheben […].” (1)

Auch der Hamburger Senat kommt zu folgendem Schluss:
„So wurde laut Senat im Zuge der Hospitationen mit den 20 Konsulatslehrkräften und einigen Schulleitungen gesprochen. „Die Unterrichtsinhalte bezogen sich im April stark auf die Feier des von Atatürk institutionalisierten ‚Internationalen Kinderfests‘ und die Person Atatürks als Staatsgründer der Türkei“, heißt es weiter. Der Unterricht sei auf Sprach- und Sachthemen ohne politischen Bezug ausgerichtet gewesen. „Insoweit hat sich der Verdacht einer unzulässigen politischen Beeinflussung durch den Konsulatsunterricht nicht erhärtet“ (2)

Anstelle konstruktive Vorschläge zu unterbreiten hofft man, insgeheim dass „sich das Thema möglicherweise von selbst erledigt, weil die Teilnehmerzahlen von Jahr zu Jahr kleiner werden; oder man droht mit dem Streichen von Unterrichtsräumen“ . Eine Absurdität auf höchstem Niveau.

Im Gegensatz zur Bildungsforschung, die die Förderung der Muttersprache befürwortet, wird die Muttersprache der hier lebenden Kinder durch diese Maßnahmen bewusst vernachlässigt! (3)

Kurz zum Hintergrund des herkunftssprachlichen Unterrichtes: Die Grundlage des Herkunftssprachenunterrichts ist die Familiensprache und Sprache der Primärsozialisation, im Kontext einer anderssprachigen Umgebung und persönlicher Zweisprachigkeit. Diese kommt im Regelunterricht nicht vor, jedoch ist es häufig die Familien- und Erstsprache der Kinder. Wird diese nicht systematisch koordiniert in den Schulen erteilt, dann werden diese Kinder und somit die Gesellschaft mit dem Problem der sogenannten „Halbsprachigkeit“ noch lange zu kämpfen haben.

Die Bildungsforschung zeigt uns die Lösung: koordinierte nachhaltige Förderung beider Sprachen im Regelsystem der Schule. Über 80% der Kinder, die ein Konsulatsunterricht besuchen, sind auch deutsche Staatsangehörige. Die Verantwortung für ein ganzheitliches Bildungsangebot, welches die Vermittlung der Herkunftsprachen mit einbezieht, obliegt allein der Verantwortung der hiesigen Schul- bzw. Kultusminister der Länder. Durch die Konsulatslehrkräfte werden nur offene bildungsleere Räume gefüllt, die seitens der deutschen Bildungsverantwortlichen hinterlassen werden. Hier lebende Kinder und Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund haben ein Recht auf eine individuelle Förderung im Bildungssystem, wozu auch die Förderung ihrer Sprache gehört. Diesem muss der deutsche Staat mit regulären Schulangeboten für die sprachliche Bildung der Kinder nachkommen. Eine ganzheitlich koordinierte Förderung der Kinder in ihrer primären als auch in der Landessprache steigert laut wissenschaftlichen Studien auch ihre Leistungen in den anderen Fächern

FÖTED und die ATÖF begleiten den Konsulatsunterricht seit Jahren im kritischen Dialog mit den Beteiligten und halten eine Diskussion über die Aktualisierung der Inhalte des Muttersprachenunterrichts, aber auch des Curriculums und Verantwortlichkeiten für wünschenswert. Der Konsulatsunterricht ist der Lebenswirklichkeit hier lebender Kinder nicht angepasst und ist daher, von Einzelfällen abgesehen, nicht ausgereift und pädagogisch wenig geeignet. Es befasst sich inhaltlich, mit den Bereichen Sprache, Kultur, Geschichte, Landeskunde und auch Religion. Es unterscheidet sich vom Herkunftssprachlichen Unterricht hauptsächlich in der Art, dass der Konsulatsunterricht inhaltlich eher auf das ehemalige Heimatland der Eltern fokussiert ist, und der Herkunftssprachliche Unterricht, wie es z.B. in vielen Bundesländern der Fall ist, eher auf Deutschland fokussiert wird. Letztere sollte im Idealfall, wie von der Bildungsforschung und auch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit Jahren gefordert, koordiniert mit dem regulären Schulunterricht erfolgen und die entsprechenden Lehrer*innen hier in Deutschland ausgebildet werden. Das Studienangebot für das Fach Türkisch an den hiesigen Universitäten sollte ausgeweitet werden und nicht wie zuletzt in Hamburg eingefroren werden (4). Wir begrüßen aber den jüngsten Vorstoß der Hamburger Parteien den Herkunftssprachenunterricht in das Regelsystem zu integrieren (2). Parallel zum bestehenden Konsulatsunterricht sollte der reguläre Türkischunterricht an Schulen ausgebaut werden um es dann nach einer kurzen Übergangsphase voll in das Schulsystem zu integrieren.

Der Konsulatsunterricht muss in seiner jetzigen Form auf jeden Fall überdacht und überarbeitet werden. Es ist nicht mehr Konform mit modernen Bildungsangeboten und Herausforderungen. Problematisch ist die völlige Abkoppelung des Konsulatsunterrichtes vom übrigen Schulleben. Hier sind auch die Schulen bzw. Schulleitungen in der Pflicht, für eine Beteiligung der Konsulatslehrer/innen in den Regelschulbetrieb zu sorgen und nicht wie von der Berliner Schulbehörden angedroht, diesen sogar Schulräume zu verweigern bzw. Schulgeld zu verlangen. Die Folge wäre fatal. Der Konsulatsunterricht würde dann aus  den Schulen in die Vereine verlagert und sich somit inhaltlich völlig der Kontrolle des Bildungssystems entziehen; die vielbeschworene Parallelgesellschaft würde dadurch noch gestärkt. Nein, vielmehr ist die starke Zusammenarbeit mit den Konsulatslehrkräften notwendig. Gleichwohl liegt die langfristige Lösung für die FÖTED und der ATÖF in der Integration des Mutter- bzw. Herkunftssprachenunterrichts in das deutsche Regelschulschulsystem, sowie in der Anerkennung und Förderung der Mehrsprachigkeit schon ab dem Kindergarten und der Vorschule.

Konkrete Vorschläge für einen Muttersprachenunterricht haben die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), die FÖTED, der Bund Türkischer Akademikervereine in Deutschland (ATAK) und der Bundesverband Türkischer Studierendenvereine (BTS) bereits im Jahr 1999 mit dem „Memorandum zur Förderung der Muttersprache und Kultur von Kindern türkischer Herkunftssprache auf der Grundlage einer zeitgemäßen Erziehungs- und Bildungspolitik“ ausgearbeitet. Im Jahr 2015 haben FÖTED und ATÖF diese Forderung mit dem „Memorandum zur Unterstützung der Muttersprache und Kultur der Kinder mit Türkisch als Muttersprache und Verbesserung der Stellung der türkischen Sprache im deutschen Bildungssystem“ aktualisiert. (5)

Die FÖTED und der ATÖF rufen zu einem Dialog aller Beteiligten auf, gemeinsam nach besten Lösungen für die Schüler/innen türkischer Herkunft zu suchen und bieten dabei als Migrantenorganisationen ihre Unterstützung an.

Dr. Ali Sak Berin Arukaslan Yücel Tuna
FÖTED FÖTED ATÖF

Referenzen:

  1. Schreiben des Schulministeriums des Landes NRW vom Juli 2013 an den Elternverband
  2. https://welt.de/regionales/hamburg/article168372175/Was-lernen-Kinder-im-Tuerkischunterricht-an- staatlichen-Schulen.html
  3. Reich, Hans (2011): Schriftsprachliche Fähigkeiten türkischdeutscher Grundschülerinnen und Grundschüler in Köln
  4. GEW kritisiert Schließung des Faches Türkisch in https://www.gew-hamburg.de/themen/hochschule- und-forschung/gew-zur-einstellung-der-ausbildung-von-lehrkraeften-fuer-den
  5. Memorandum zur Unterstützung der Muttersprache und Kultur der Kinder mit Türkisch als Muttersprache und Verbesserung der Stellung der türkischen Sprache im deutschen http://www.tuerkische- elternfoederation.de///upload_dateien/Memorandum_Muttersprache-ATOF_FOTED210215.pdf

Die gemeinsame Erklärung von FÖTED und ATÖF als PDF.